Ren Hang und was wir von seinen Fotografien lernen können

Ren Hang und was wir von seinen Fotografien lernen können

 

ren hang selbstportrait
(c) ren hang – selbstportrait

Ren Hang war zum Zeitpunkt seinen selbst gewählten Todes im Februar 2017 in Peking gerade einmal 29 Jahre jung. Er war im selben Jahr geboren wie ich: 1987.

Im Februar hatte ich die Gelegenheit mir die Ausstellung, bestehend aus einer großen Retrospektive, in Berlin anzuschauen. „Love, Ren Hang“ ist ihr Titel. Und um Liebe geht es auch, Liebe zu sich selbst und Liebe zur Kunst.

Ich bin erstaunt über die schier große Masse an kreativen Arbeiten, die der chinesische Fotograf Hang in seiner viel zu kurzen Lebenszeit produziert hat und hinterlassen hat.

Während meines Besuches in der Galerie CO Berlin haben mich die großen Prints mit verdrehten, aufeinander gelegten oder trappierten Körper fast schon erdrückend angeschrien.

Mein erster Kontakt mit Ren Hang seinen Fotos war ungefiltert und ziemlich direkt. Ich war überrascht und auch etwas schockiert. Es zeigt wie wichtig es ist, Fotos, Fotografen, Ort und Zeit in Verbindung zu bringen und als ganzes zu verstehen. Die Bilder sind schmerzvoll provokant, aber auch introvertiert und träumerisch surreal.

love ren hang co berlin austellung
„love, ren hang“ – CO|Berlin  – Austellung

In Hang Fotos schwingt eine tiefe Ambivalenz mit, welche durch den Ausdruck des Körpers seinen Weg nach außen sucht. Die Bilder führen dich zwangsläufig zum inneren Dialog, welcher sich zwischen Begeisterung, Empörung und Fantasie bewegt.

Für mich sind die Werke ein Symptom der Lebensumstände in China, derer eine ganze junge Generation zwischen Tradition, Werten, Disziplin und schierer Lust, Liebe und offene Sexualität springt. Die knalligen Bilder von nackten jungen Menschen sind nicht ohne Spaß entstanden. Sie zeugen von einer großen Freude an Körpern, und weil Nacktheit in China verboten ist, zeugen sie auch von einem ziemlich großen Widerstandsgeist und dem Glauben daran, dass man solche Kunst machen dürfen sollte, auch wenn die Gesetze es nicht gestatten.

ren hang
(c) ren hang

 

 

Ich hab über Ren Hang in den letzten Tagen nach dem Besuch der Ausstellung viel nachgedacht und mich gefragt:

„Was können wir aus diesen Bildern eigentlich lernen und mitnehmen?“

 

Der Körper ist Ausdruck unseres Geistes

In Hang Fotos wird vor allem der Ausdruck des Geistes durch unseren Körper offengelegt. Mit der verspielten und kreativen Arbeitsweise in den Bildern sollte uns klar werden, das unsere Gedanken und Gefühle sich immer auch nach außen transportieren lassen. Es liegt an jedem von uns, mit seinem Körper Ausdruck zu suchen und in anderen Menschen Ausdruck zu finden. Manche Menschen Tanzen, andere tätowieren sich und wieder andere fotografieren sich selbst. Der Frauenkörper nimmt dabei oft eine zentrale Rolle ein, er wirkt schutzlos und anziehend zu gleich. Auch wohl ein Ausdruck unserer Welt und Gesellschaft.

ren hang ausstellung
(c) ren hang

 

Social Media und das Internet sprengt grenzen

Hang lebte in China und leider (leidet) das Land unter einer Staatsführung die auf Kontrolle und Zensur bedacht ist. Für viele, insbesondere junge Menschen, ist das sozusagen ein offener Käfig. Hang nutzte Plattformen wie Facebook und Instagram um seine Werke zu publizieren. Da er in den Augen der Chinesischen Regierung nicht als Foto-Künstler, sondern als Politischer Gegner angesehen wurde, wurden seine Ausstellungen und Arbeiten immer wieder beschlagnahmt oder verboten. Hang selbst sagte es ginge ihm nie um eine politische Aussage, er wollte einfach seinen Fotos nachgehen.

Dennoch, das Internet kennt keine Grenzen und ich möchte an dieser Stelle alle jene Künstler und Menschen auffordern sich zu zeigen. Ihre Meinung zu äußern und uns ein Teil ihrer Gedankenwelt werden zu lassen. Das war schon immer der Grundgedanke des Internets – eine vernetzte Welt!

renhang titel
(c) ren hang

 

Kunst als Ausdruck für Konflikt und Widerstand

Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Das ist im Wikipedia Artikel darüber zu finden. Für viele Menschen ist Kunst nicht greifbar oder gar total unmissverständlich.

Das muss aber nicht so sein, denn wir betrachten viel zu oft nur das Oberflächliche, das was wir sehen wird nicht weitergegeben. Es fehlt die Zeit, sicher der empfundenen Emotionen und Gefühle klar zu werden – vor allem der eigenen.

So ist mir in Ren Hangs Fotos verstärkt der Begriff Kunst in den Fokus gerückt und ich fand die Zeit mich aktiv damit auseinander zu setzen. In Hangs Fotos spiegelt sich der Konflikt der Jugend wieder, frei zu leben, Sexualität als ein gegebenes, menschliches Gut zu betrachten. Ja und auch in all Ihren Facetten: Ein Hintern kann schon komisch aussehen, weshalb also schweigen und das oft verschlossene und absurde Verhältnis zu ihm und unseren Körper pflegen?

ren hang bodies
(c) ren hang

 

Kunst ist also ein Mittel zum Zweck, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse daraus, wer Kunst macht oder sich Kunst anschaut, sucht den Dialog zu sich und der Umwelt.
Das Ziel hierbei ist immer die Überprüfung der eigenen Ansichten und manchmal öffnet es neue Türen und Sichtweisen.

Gute Beispiele für Lebensveränderten Erfahrungen gibt es viele –Joel Meyerowitz z.B. traf Robert Frank bei der Arbeit und erlebte wie Frank fotografierte. Seine Art zu fotografieren und Kunst zu machen inspirierte Meyerowitz schlagartig und er beschloss selbst Fotograf zu werden. Heute ist Meyerowitz einer der Pioniere der Farbfotografie und gehört zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit.

Kunst kann also nachhaltig verändern, wir müssen uns der Kunst nur öffnen!

 

„Love, Ren Hang“ ist noch bis zum 29. Februar im Amerika Haus Berlin und der dort ansässigen Galerie CO|Berlin zu sehen.
Die in diesem Beitrag gezeigten Werke sind (c) by Ren Hang und seinen Vertretern.