Stefan FrankeFulda · DE
Stefan Franke
Künstliche Intelligenz14 min Lesezeit

80.000 Bilder, die ich nie wieder gesehen habe

80.000 Bilder, die ich nie wieder gesehen habe

Es ist unser letzter Morgen in Monte Gordo, Frühjahr 2026. Ich stehe mit der Kamera am Strand, das Licht kommt flach von der Seite, und während ich fotografiere, schiebt sich ein Gedanke dazwischen: Ich war schon so oft genau hier. Was habe ich an diesem Strand in den Jahren davor eigentlich fotografiert?

Am liebsten hätte ich es sofort nachgeschaut, dort im Sand, mit dem Handy in der Hand. Und genau in dem Moment lief ich gegen eine Wand, die ich mir über Jahre selbst gebaut hatte: Mein Katalog liegt zu Hause auf einer Festplatte, und mein gesamter Bildbestand aus sieben Jahren war schlicht nicht dabei. Mir wurde klar, dass meine Strategie nicht bloß unbequem ist, sondern grundsätzlich nicht zu der Art passt, wie ich arbeite und unterwegs bin.

Strandmorgen in Monte Gordo, flaches Seitenlicht über Dünen und Sand, ruhige Stimmung, weiter Bildausschnitt, möglichst eines der Bilder von genau diesem letzten Morgen
SONY ILCE-7CR · 40mm · ƒ/4 · 1/250s · ISO 125

Mein Archiv war ein Lager, kein Werkzeug

Ich fotografiere breit: Landschaft, Street, Geometrie, Alltagssituationen, dazu Persönliches auf Events und in der Familie. Da kommt über die Jahre einiges zusammen, bei mir sind es rund 80.000 Fotos, seit ich meinen Katalog vor sieben Jahren konsequent aufgebaut habe. Business-Aufträge sind da noch gar nicht mitgezählt.

Und wenn wir ehrlich sind, kennst du den Ablauf wahrscheinlich selbst: Du warst fotografieren, kommst nach Hause, kippst die Karte auf die Festplatte, importierst vielleicht noch in Lightroom, und im besten Fall liegt am Ende alles in einer schlichten Ordnerstruktur nach Datum. Dann kommt das Leben dazwischen. Die Bilder sichten, die besten heraussuchen, vertaggen, Orte ergänzen, all diese kleinen Metadaten pflegen, die eigentlich zu einem Bild gehören: Genau dieser Teil bleibt liegen, erst nur für ein Wochenende, dann für Monate, irgendwann für Jahre.

So ist bei mir ein Bestand herangewachsen, den ich im Grunde nie gesehen habe. Also doch, einmal, beim Fotografieren. Danach nie wieder.

Da liegt ein Schatz, und ich komme nicht ran.

Mit Schatz meine ich nicht das eine übersehene Meisterbild, sondern etwas viel Spannenderes: die Muster. Zusammenhänge zwischen Bildern, die Jahre auseinanderliegen. Eine eigene Bildsprache, die sich unterschwellig eingespielt hat, ohne dass ich sie je bewusst benannt hätte. All das steckt in so einem Archiv, und genau daran kommst du nicht heran, solange die Bilder nur nach Datum in Ordnern liegen.

Verschlagworten ist nicht das Problem, Durchhalten ist es

In der Theorie ist das alles längst gelöst. Ein sauber gepflegter Lightroom-Katalog kann genau das: filtern, finden, gruppieren. Und es gibt gute Werkzeuge, die beim Nachholen helfen. Das bekannteste ist Excire Search, das sich als Plugin in Lightroom integriert und deine Bilder per KI verschlagwortet. Ich habe es getestet und nutze es bis heute, es funktioniert für sich genommen wirklich gut. Was mich dabei aber immer gestört hat, ist der Weg zur Antwort: Dialog öffnen, filtern, Sammlung anschauen, und für die nächste Frage beginnt das Ganze von vorn. Das fühlt sich jedes Mal an wie ein Umweg, nicht wie ein Gespräch mit dem eigenen Archiv.

Der tiefere Grund, warum dieser Ansatz für mich nicht aufging, liegt allerdings woanders. Jedes dieser Systeme lebt von kontinuierlicher Pflege, von einem Ritual, das du nach jedem Shooting brav wiederholst. Ich habe das nie konsequent durchgezogen, und irgendwann waren der zeitliche Abstand und die schiere Menge so groß, dass ich keinen Einstieg mehr gefunden habe. Ich könnte mich heute nicht hinsetzen und Zehntausende Bilder aus den letzten Jahren durchsehen, benennen und beschreiben, das ist zeitlich einfach nicht machbar, egal wie gut das Plugin ist. Das hat mich in den letzten Jahren zunehmend gewurmt, nur wusste ich lange nicht, wo ich anfangen soll.

Also automatisiere ich nicht die Pflege, sondern schaffe sie ab

Der Gedanke am Strand hat das aufgebrochen. Nicht als fertige Lösung, die kam erst in den Wochen danach, aber als klare Absage an den bisherigen Weg: Ich werde das nicht nachholen. Ich muss es anders angehen.

Zwei Dinge wollte ich zusammenbringen. Erstens die Verfügbarkeit: Mein Katalog soll von jedem Gerät und von jedem Ort mit Internet erreichbar sein, statt an einer Festplatte zu Hause zu hängen. Zweitens die Stärken, die Lightroom seit jeher auszeichnen, nämlich Verschlagwortung und schnelles Filtern großer Bestände. Das Lightroom-Abo mit Cloud-Sync war für mich trotzdem keine Antwort, nicht bei dieser Menge an Bildern. Dazu habe ich den ganzen Sync-Vorgang zwischen Lightroom und der Cloud immer als Hustle empfunden, das fühlt sich für mich nie so individuell an, wie ich es gern hätte.

Also baue ich es selbst. Möglich macht das die Entwicklung im Coding-Bereich mit KI, für mich der eigentliche Schlüssel der letzten Monate. Meine ganze Website ist so entstanden, darüber habe ich in Alles auf Anfang ausführlich geschrieben. Aus dem Website-Projekt heraus hat sich dann eine größere Vision entwickelt: nicht nur ein Katalog, der immer erreichbar ist, sondern ein zentraler Bildpool als Herz meines Backends, von dem aus ich sternförmig nach außen arbeite, in Serien, in Beiträge, in Kollektionen.

Der entscheidende Punkt dabei, und um den geht es in diesem Artikel, ist nicht die Speicherung, sondern die Verarbeitung. Der Prozess, den ich vor Jahren hätte beginnen müssen, Shooting für Shooting, muss so weit vereinfacht und automatisiert sein, dass er genau in dem Moment passiert, in dem ich ein Bild hochlade.

Vier Dinge, die passieren, während ich nichts tue

Lade ich heute ein Bild hoch, laufen vier Ebenen an, ohne dass ich etwas anklicken oder eintippen muss.

Was ist zu sehen? Das Bild geht an ein Google-Gemini-Modell, das beschreibt, was darauf zu sehen ist, und passende Tags vergibt. Das nimmt mir eine Menge Tipparbeit ab und füllt nebenbei die Metadatenfelder, die ich für die Website und für SEO ohnehin brauche.

Was bedeutet das Bild? Auf meinem eigenen Server läuft ein Vektormodell, SigLIP 2. Es übersetzt jedes Bild in eine Liste von 1152 Zahlen, und das klingt erst mal sperrig, ist aber der eigentliche Trick: In diesem Zahlenraum landen inhaltlich ähnliche Bilder dicht beieinander. Zwei verschneite Bergrücken liegen nah zusammen, ein Studio-Porträt weit weg in einer anderen Ecke, Nähe bedeutet Ähnlichkeit. Das Schöne daran: Das Modell übersetzt auch Text in denselben Raum. Ich kann also mit Sprache in meinen Bildern suchen, ohne dass ein einziges dieser Wörter je als Stichwort am Bild stehen müsste.

Kenne ich dieses Bild schon? Jedes Bild bekommt zusätzlich einen Fingerabdruck, über den sich Dubletten erkennen lassen. Du kennst das von modernen Kameras: Bei einer Serie fotografierst du schnell mal hunderte Bilder, und wenn es hektisch wird, landen Doppelgänger im Katalog. Die will ich gar nicht erst mitschleppen.

Wie ist das Bild gemacht? Hier kommt die Ebene, die direkt auf meine Ausgangsfrage einzahlt. Neben den freien Tags gibt es feste Achsen mit einem kontrollierten Vokabular, die ebenfalls automatisch gefüllt werden:

  • Licht: hart, weich, Gegenlicht, Seitenlicht, goldene Stunde, blaue Stunde, Kunstlicht bei Nacht, diffus, Studio
  • Stimmung: ruhig, melancholisch, energetisch, rau, einsam, vertraut, feierlich, weit und einige mehr
  • Bildaufbau: minimalistisch, zentral, Symmetrie, Diagonale, führende Linien, Muster und Textur, Rahmung, Negativraum, dicht
  • Tageszeit: Morgen, Mittag, Abend, Nacht
  • Menschen: keine, einzeln, Paar, Gruppe, Menge
  • Perspektive: Augenhöhe, Untersicht, Obersicht, Detail, Weite

Warum feste Werte statt freier Stichworte? Weil freie Tags bei großen Beständen auseinanderdriften. Mal schreibst du „Sonnenuntergang", mal „Abendlicht", mal „golden hour", und am Ende findest du nichts mehr zuverlässig. Die Achsen sind bewusst eng gehalten, damit ich quer durch den ganzen Katalog in einem Zug filtern kann. Und genau diese Breite ist auch der Unterschied zu meinem alten Excire-Search-Workflow: Statt Dialog für Dialog durchzuklicken, kombiniere ich Suche und Achsen dynamisch und bin in Sekunden bei einer Antwort.

Schaubild aus meinem KI-Seminar: alles, was pro Bild automatisch abgespeichert wird, Beschreibung, Tags, Vektor, Fingerabdruck und Kurator-Achsen an einem Beispielbild visualisiert

Das Schaubild oben stammt aus einem Seminar, in dem ich das System vorgestellt habe. Es zeigt an einem einzelnen Bild, was nach dem Upload tatsächlich alles daran hängt, und macht ganz gut greifbar, wie viel Wissen sich da pro Foto ansammelt, ohne dass ich einen Finger rühre.

Ein Teil dieser Verarbeitung läuft aus servertechnischen Gründen nachts nach, weil die Bildberechnung Rechenzeit braucht. Für mich ist das genau richtig: Ich lade hoch, wenn ich Zeit habe, und der Katalog sortiert sich über Nacht selbst.

Ein Rundgang durch den Media Pool

Damit du dir das besser vorstellen kannst: Mein Backend, ich nenne es Media Pool, besteht im Wesentlichen aus sechs Bereichen.

Der Einstieg ist bewusst simpel gehalten: die zuletzt hochgeladenen Bilder in einer einfachen Kacheldarstellung. Mir geht es hier nur um einen schnellen visuellen Eindruck, ich scrolle durch und weiß sofort, wo ich stehe. Darüber liegen die Suchfilter, und die greifen alles auf, was die KI-Verarbeitung liefert: Ich kann nach Quelle und Aufnahmedatum suchen, die Sortierung anpassen und vor allem die vier wichtigsten Bildachsen filtern, bei mir Farbwelt, Licht, Stimmung und Bildaufbau. Wechsle ich in den semantischen Suchmodus, spreche ich direkt die Vektordatenbank an und finde Bilder über ihre Bedeutung.

Screenshot aus dem Media Pool: Mediathek-Übersicht mit Kachel-Grid der zuletzt hochgeladenen Bilder und den Suchfiltern mit Achsen-Chips darüber

Der Pool ist aber nicht nur Arbeitsarchiv, sondern trägt auch viel Privates, aus Urlauben oder von Veranstaltungen. Dafür gibt es die Sammlungen: definierte Galerien, die ich intern nutzen oder unkompliziert über einen Link nach außen geben kann. Früher habe ich dafür Google Fotos oder irgendwelche Dropbox-Ablagen benutzt, und das war immer ein Graus, weil die Fotos dann wieder an einem anderen Ort lagen. Mit der zentralen Verwaltung ist genau das jetzt vorbei.

Screenshot aus dem Media Pool: Sammlungen-Bereich mit Galerie-Übersicht, eine geteilte Sammlung mit Link-Freigabe

Dann der Bereich Serien: Hier liegen die Serien, die ich angelegt und veröffentlicht habe, mit einer direkten Verbindung vom Bildpool zum Frontend meiner Website. Das war mir sehr wichtig, weil ich darin einen großen Hebel sehe, Serien schnell bereitzustellen. Ich kann Reihenfolgen verändern, Beschreibungstexte anpassen und eine Serie jederzeit weiterentwickeln, wenn das für sie vorgesehen ist.

Screenshot aus dem Media Pool: Serien-Verwaltung mit einer veröffentlichten Serie im Editor, Bildreihenfolge und Beschreibungstexten

Das Zentrum des Ganzen ist die Werkstatt. Sie greift auf dieselben Suchmechanismen zu, ist aber auf konzeptionelle Arbeit ausgelegt. Der Einstieg führt über verschiedene Serienarten: eine Konzept-These, ein Gegensatzpaar, ein wiederkehrendes Element, bestimmte Merkmale oder die visuelle Verwandtschaft. Nur die narrative Sequenz, also eine Serie, die eine Geschichte erzählt, bilde ich bewusst nicht über Suchfilter ab, da ist der manuelle Aufbau das Wichtigste. Dazu kommen die Vorschläge aus dem Nachtlauf: Über die Vektoren bekomme ich fertige Gruppierungen angeboten, sortiert in grob und fein. Im Modus grob werden oberflächlich ähnliche Bilder zusammengestellt, im Modus fein achtet das System stärker auf einzelne Details. Ich bekomme also von vornherein einen Einblick in Zusammengehörigkeiten, finde schnell einen Einstieg und lasse mich inspirieren, was ich sehr schön finde. Diese Kollektionen kann ich speichern und damit weiterarbeiten. Genauso kann ich von einem Einzelbild ausgehen und mir ähnliche Bilder dazu anzeigen lassen, wenn ich mich frage, ob es von dieser Art noch mehr gibt. Aus alldem nehme ich mir Bilder heraus und packe sie in eine Serie, die zunächst im Entwurfsmodus liegt. Dort schraube ich so lange daran herum, bis sie fertig ist und online geht.

Screenshot aus dem Media Pool: Werkstatt-Einstieg mit den Serienarten Konzept-These, Gegensatzpaar, wiederkehrendes Element, Merkmale und visuelle Verwandtschaft

Bleiben noch zwei Bereiche. Unter Tags werden die Stichworte, die Gemini vergibt, normalisiert, und das ist bei großen Katalogen wichtiger, als es klingt: Ohne diese Pflege laufen die Begriffe auseinander, obwohl sie in dieselbe Richtung zielen. Nebenbei sehe ich, welche Tags am häufigsten vergeben wurden, und bekomme so ein Gefühl dafür, was meine Hauptmotive eigentlich sind.

Und zuletzt die Insights, der Klassiker: Hier werden die EXIF-Metadaten der Bilder ausgewertet, ich sehe auf einen Blick, welche Kamera ich am meisten benutze, welche Brennweite, welche Blende. Auch die Kurator-Achsen tauchen hier noch einmal auf, sodass ich ablesen kann, welcher Stil in welcher Kategorie bei mir dominiert. Damit habe ich einen umfassenden Überblick über meinen Katalog und kann jederzeit kreativ damit arbeiten.

Screenshot aus dem Media Pool: Insights-Seite mit EXIF-Auswertung, Kameras, Brennweiten und Blenden als Facetten, darunter die Verteilung der Kurator-Achsen

Was ich in meinen eigenen Bildern gefunden habe

Jetzt der Teil, der mich wirklich überrascht hat.

Ich bin aktuell noch mitten in der Upload-Phase: Von den 80.000 Bildern werden am Ende etwa 50.000 in den Katalog wandern, und ich gehe dafür Stück für Stück durch die Jahrgänge. Aber schon jetzt, mit einem Teil des Bestands, schlägt mir das System von sich aus Serien vor, auf Grundlage der Vektoren, ganz ohne dass ich danach gesucht hätte. Und diese Vorschläge zeigen mir zum ersten Mal schwarz auf weiß, was ich über Jahre eigentlich fotografiere.

Ein Beispiel: Ich fotografiere offenbar ständig Schatten. Schattenwürfe an Geländern, an Treppen, an Wänden, quer durch sechs Jahre und völlig verschiedene Orte. Als Serien-Vorschlag lagen da plötzlich 39 Bilder von 2020 bis 2026 nebeneinander, die zusammengehören, als hätte ich sie als Projekt geplant. Habe ich aber nie.

Screenshot aus der Serien-Werkstatt: Serien-Vorschlag mit 39 Schatten-Bildern von 2020 bis 2026, Schattenwürfe an Geländern, Treppen und Wänden im Raster

Das zweite Muster: Fenster, in den verschiedensten Facetten. Alte Rahmen, bunte Fassaden, Vorhänge, Spiegelungen, 33 Bilder über sechs Jahre, wieder als automatischer Vorschlag aus der Werkstatt.

Screenshot aus der Serien-Werkstatt: Serien-Vorschlag mit 33 Fenster-Bildern von 2020 bis 2026, Fensterrahmen, Fassaden und Details in vielen Farben im Raster
Die Bildsprache war immer da. Ich konnte sie nur nicht sehen.

Ich habe diesen Bereich inzwischen so weit ausgebaut, dass ich ihn meine Serien-Werkstatt nenne. Dort baue ich aus solchen Vorschlägen und aus eigenen Suchen richtige Serien, und jedes Mal, wenn ich reingehe, bekomme ich frische visuelle Anreize, statt nur das zu finden, wonach ich ohnehin gesucht hätte. Auch die Strandfrage aus Monte Gordo beantwortet sich so: Gebe ich „Dünenlicht" oder „Seitenlicht am Strand" ein, bekomme ich nicht nur die Bilder von diesem einen Morgen, sondern alle, die dazu passen, quer durch den Bestand. Die Serie von diesem letzten Morgen existiert schon, und je weiter der Upload voranschreitet, desto mehr wächst da eine Strandserie über Jahre zusammen, die es in meinem Kopf nie als Projekt gab.

Das ist für mich der Unterschied zwischen einem Ablagekatalog und einem Arbeitskatalog. Im Lager liegen deine Bilder sicher. In der Werkstatt fangen sie an, dir etwas zu erzählen. Und genau deshalb werden auf meiner Seite in Zukunft deutlich mehr Serien zu sehen sein als jetzt.

Wo die Grenzen liegen

Ganz ohne Zutun läuft es übrigens nicht, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Auch hier gibt es immer wieder Fehlinterpretationen, ein Modell liest eine Stimmung anders, als ich sie sehe, oder ein Tag sitzt daneben. Das System lebt also davon, dass ich von Zeit zu Zeit feinjustiere und die Ergebnisse der Modelle prüfe. Das ist aber eine ganz andere Größenordnung von Aufwand als das manuelle Verschlagworten von früher: kuratieren statt katalogisieren.

Eine harte Grenze gibt es tatsächlich, und das sind die Dateigrößen. RAWs sind für so einen Online-Katalog zu groß und zu sperrig, deshalb habe ich mich auf JPGs mit 4000 Pixeln an der langen Kante geeinigt. Die Originale bleiben natürlich auf der Festplatte, aber 4000 Pixel reichen für alles, was der Katalog leisten soll, und zur Not lässt sich davon auch mal ein Print erstellen.

Und dann ist da noch die technische Seite, die ich nicht verschweigen will. Eine gut gewählte Ablagestrategie für den Online-Speicher ist die halbe Miete: Ich habe mich für Cloudflare R2 entschieden, weil ich dort nur für das tatsächlich belegte Speichervolumen bezahle und nicht für das Abrufen der Bilder. So bleiben die Kosten im unteren zweistelligen Bereich pro Monat, sie wachsen zwar mit dem Bestand nach und nach mit, aber gerade am Anfang sind sie zu vernachlässigen. Das Vektorisieren wiederum ist am sinnvollsten als Dienst auf einem eigenen Server aufgehoben, weil so nur die Serverkosten anfallen und keine Kosten pro Bild: Bei mir läuft das SigLIP-2-Modell in einem Container auf einem virtuellen Server, durch den jedes Bild geschleust wird. Das Frontend liegt, wie in Alles auf Anfang beschrieben, mit Next.js auf Vercel. Das sind die Komponenten, die zusammen das Gesamtbild ergeben.

Dazu gehört aber auch: So ein Setup braucht regelmäßige Pflege, Updates und saubere Schutzmaßnahmen gegen Fremdzugriff. Für jemanden ohne technischen Hintergrund und ohne Zeit ist die Hürde ehrlicherweise eher hoch.

Der Katalog, der mitdenkt

Das eigentlich Befreiende an diesem Weg ist, dass der Aufwand, den ich früher nie durchgehalten habe, zu einem Selbstläufer geworden ist. Ich gehe die alten Jahrgänge durch, lade hoch, und der Rest passiert von selbst, über Nacht, ohne schlechtes Gewissen und ohne Nachpflege-Marathon. Der Katalog denkt in meinem Alltag mit, benennt meine Bilder und erkennt, was zusammengehört.

Ich schreibe das für Kolleginnen und Kollegen, für Fotografen und Künstler, die mit dem gleichen Problem sitzen: ein großer Bildpool, der eher Last als Ressource ist. Vielleicht ist das der eigentliche Anstoß: Schau dir mal an, wie groß dein Archiv tatsächlich ist, und frag dich, welche Muster und welche Bildsprache da drinstecken, die dir selbst gar nicht bewusst sind. Ob du dafür ein eigenes System baust wie ich oder einen ganz anderen Weg findest, ist zweitrangig. Aber die Frage lohnt sich, denn die Antwort liegt bei den meisten von uns längst auf der Festplatte. Sie wartet nur darauf, sichtbar zu werden.


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