Stefan FrankeFulda · DE
Stefan Franke
Perspektive8 min Lesezeit

Ich bin unfotogen:
Was hinter dem Satz steckt

Ich bin unfotogen: Was hinter dem Satz steckt

„Ich bin ja so unfotogen." Der Satz fällt bei fast jedem Shooting, das ich mache. Bei Hochzeiten, bei Business-Portraits, bei Menschen, die ein Unternehmen führen, und bei Menschen, die gerade angefangen haben. Meistens kommt er mit einem entschuldigenden Lächeln, kurz bevor ich die Kamera hochnehme.

Ich widerspreche dann nicht. „Ach was, das stimmt doch gar nicht" hilft niemandem, das ist eine Floskel und beide wissen es. Was der Satz bei mir auslöst, ist Neugier.

Der Satz sagt selten etwas über das Aussehen

Natürlich sieht jeder Mensch anders aus. Jeder bringt andere Eigenschaften mit, jeder hat seine optischen „Fehler", und ich setze die Anführungszeichen bewusst. Aber wenn jemand von sich sagt, er sei unfotogen, geht es meiner Erfahrung nach fast nie um die Nase oder um das Kinn. Es sind oft Menschen, die irgendwann eine schlechte Erfahrung gemacht haben.

Deshalb frage ich lieber nach, statt zu beschwichtigen. Auch im Business-Kontext, gerade da. Das sind immer noch Menschen und keine Mitarbeiter mit einer Nummer. Man kann jemanden direkt fragen: Was ist eigentlich los? Wieso fühlst du dich so vor der Kamera? Kannst du das beschreiben?

Die meisten sind erst überrascht, dass die Frage überhaupt kommt. Und dann erzählen sie.

Die Kamera macht nichts Schlimmes

Für mich ist das der Kern der Sache. Die Kamera bewertet nicht, sie interpretiert nicht, sie will auch nichts von dir. Sie fotografiert die Realität, jedenfalls einen Ausschnitt davon. Das Unangenehme entsteht nicht im Gerät, sondern in dem Moment, in dem jemand diese Realität sieht und sie nicht annehmen möchte.

Das klingt hart, ist aber nicht als Vorwurf gemeint. Es verschiebt nur die Frage. Nicht „wie muss ich aussehen, damit das Bild gut wird", sondern „was passiert eigentlich gerade mit mir, wenn eine Linse auf mich zeigt". Die zweite Frage ist unbequemer und deutlich spannender.

Ehrlich gesagt hilft mir dieser Gedanke auch selbst. Wenn ich weiß, dass nicht mein Objektiv das Problem ist, muss ich es auch nicht mit Technik lösen.

Die Kamera bewertet nicht. Das Unangenehme entsteht erst in dem Moment, in dem jemand die eigene Realität sieht und sie nicht annehmen möchte.

Nichts zu tun ist das Schlimmste

Man kann sich als Fotograf in so einem Moment auch raushalten. Die Person stehen lassen, abdrücken, wird schon. Für mich ist das die schlechteste aller Optionen.

Wer angespannt vor der Kamera steht und keine Reaktion bekommt, fühlt sich alleingelassen. Und ausgerechnet die Menschen, die ohnehin unsicher sind, brauchen Führung. Bei Hochzeiten sehe ich das ständig, Paare brauchen eine konkrete Ansage. Beim Business-Portrait ist es noch deutlicher, weil da niemand neben dir steht, auf den sich der Fokus verteilen könnte. Als Paar oder in der Gruppe ist das alles viel leichter. Allein vor der Kamera steht man ziemlich nackig da, und ohne Führung wird das nichts.

Wie ich in so eine Session reingehe

Vor Kurzem hatte ich einen Portrait-Termin mit mehreren Personen nacheinander. Auch da waren wieder welche dabei, die sich vor der Kamera schwer tun.

Mein Ablauf ist dabei immer gleich. Ich begrüße freundlich, mache ein bisschen Smalltalk, sage noch einmal meinen Namen, wer ich bin und wie das hier gleich abläuft. So ein kleines Intro, bei jedem einzeln, weil eben nicht jeder vorher zugehört hat. Diese Einzel-Sessions dauern gern mal eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten, und allein die Zeit lockert die Situation schon spürbar.

Ich duze dabei immer. Ob jemand ein Unternehmen führt oder die Räume putzt, macht für mich keinen Unterschied. Das Du ist eine Ebene, über die ich viel leichter an die Persönlichkeit rankomme, und genau die will ich ja fotografieren.

Vorgefertigte Sprüche habe ich nicht. Ich schaue mir den Menschen an: Kleidung, Schmuck, Tattoos, Accessoires. Jeder sagt mit dem, was er trägt, etwas über sich. Eine auffällige Sportuhr ist für mich ein Einstiegspunkt, dann frage ich einfach, warum, wieso, weshalb. Was danach kommt, hängt von der Reaktion ab. Das lässt sich schwer simulieren, da braucht es Flexibilität und ein bisschen Schlagfertigkeit im Gespräch.

Bei einer Person an dem Tag lief es anders. Sie war schüchtern und wirkte unsicher. Also habe ich einfach gesagt, was mir wirklich aufgefallen ist: ihre positive Ausstrahlung, ihr schönes Lächeln, ihre freundliche Art. Und dass das gut so ist, wie sie ist. Kein Trick, keine Technik, nur ausgesprochen, was ich sehe.

Das hat geholfen. Nicht weil ich sie überredet hätte, sondern weil sie sich bestätigt gefühlt hat. Der Fokus lag plötzlich auf dem, was da ist, statt auf dem, was angeblich fehlt. Danach hatten wir ein paar gute Aufnahmen, die wir uns gemeinsam angeschaut haben.

Business-Portrait einer Person, die entspannt und offen in die Kamera schaut, natürliches Licht, ruhiger Hintergrund

Beim gemeinsamen Ansehen geht es fast immer um Nuancen. Eine kleine Regung in der Mimik, eine Geste, die Haltung der Hände. Selten sind es die großen Dinge wie Haare oder Posing, die lassen sich ohnehin schnell korrigieren. Und die Leute fühlen sich gesehen, weil wir konkret über ein Bild reden statt vage über ein Gefühl.

„Machst du mich dann jünger?"

Diese Frage kommt regelmäßig. Manchmal auch in der Variante, ob ich jemanden so hinbekomme wie irgendeinen Hollywood-Schauspieler.

Ich antworte darauf mit einem Spruch. Wie viele Jahre hättest du denn gern? Das kommt fast immer gut an, weil es der Sache die Schwere nimmt. Ich mache das Thema kleiner statt größer, und genau darum geht es mir. Nicht darum, jünger zu werden. Sondern sich so zu zeigen und so wohlzufühlen, wie man eben ist.

Kaschieren kann ich trotzdem. Die Position der Arme macht viel aus, die passende Kleidung noch mehr, und in der Nachbearbeitung geht ohnehin einiges. Handwerk ist erlaubt. Nur ersetzt es keine Akzeptanz, und wenn jemand nach zehn Jahren weniger fragt, steckt dahinter selten ein Auftrag an mich.

Der Vergleichsdruck kommt ja auch nicht aus dem Nichts. Wir sehen jeden Tag Bilder, die durch mehrere Filter gelaufen sind, und irgendwann wird das zum Maßstab. Warum ich meine eigenen Bilder deshalb aus den sozialen Netzwerken herausgenommen habe, habe ich an anderer Stelle beschrieben.

Ich bin kein Psychologe, und genau das ist der Punkt

Hier ziehe ich eine klare Grenze. Ich packe keine Methoden aus, ich analysiere niemanden, und ich maße mir nicht an, mir eine Meinung über die Person zu bilden. Weder die Zeit noch das Setup eines Shootings sind dafür gemacht. Wer da anfängt, therapeutisch zu werden, macht es aus meiner Sicht falsch.

Den meisten Menschen ist ohnehin bewusst, dass sie ein Thema mit ihrem Selbstwert haben. Sie erwarten überhaupt nicht von mir, dass ich das löse. Was ich beitragen kann, ist etwas anderes: dass ich es sehe, dass ich es wertschätze und dass ich den Menschen so nehme, wie er gerade ist.

Dazu gehört auch der unbequeme Teil. Wer sich unwohl fühlt, darf sich unwohl fühlen. Das ist okay. Ich muss dieses Gefühl nicht wegmachen, damit ein gutes Bild entsteht.

Was ich stattdessen einbringe, ist meine eigene Haltung. Ich bin offen, ich rede gern, ich lächle viel. Die Leute einfach mal aktiv anzulächeln hilft mehr, als man denkt. Manchmal bin ich zu schnell, dann reguliere ich mich bewusst herunter und versuche, etwas mehr Ruhe auszustrahlen. Ruhe ist ohnehin ein Thema, das mich in der Fotografie beschäftigt. Verstellen will ich mich dabei aber nicht. Authentisch sein heißt für mich, sich seiner selbst sicher zu sein und die eigenen Eigenschaften auszuleben, statt eine Rolle zu spielen. Wer das vom Gegenüber erwartet, sollte es selbst vormachen.

Einer von zehn geht trotzdem schief

Ich will das nicht schöner machen, als es ist. Es gab genug Situationen, in denen ich zu frontal war, zu offensiv. Man merkt es sofort: Die Person macht plötzlich zu viel, und alles kippt genau in Richtung der Schwäche, um die es eigentlich ging. Die Stimmung wird unangenehm.

Über die Jahre bekommt man ein Gefühl dafür, wie viel Gas man geben darf. Ein bisschen wie beim Autofahren. Trotzdem ist ungefähr einer von zehn Terminen ein Fall, in dem meine ganze Herangehensweise wenig bis gar nichts bringt. Das gehört dazu. Dann behandle ich es professionell und halte es aus, statt es erzwingen zu wollen.

Das Setup vor dem Shooting, leerer Hocker vor dem Hintergrund, Licht steht, Notebook für die Bildkontrolle daneben, noch niemand davor

Am Ende reden die Leute nicht über die Bilder

Ich bekomme regelmäßig Rückmeldungen nach solchen Terminen. Interessanterweise fast nie in der Form, die man erwarten würde. Kaum jemand schreibt mir „so habe ich mich noch nie gesehen".

Was ich stattdessen höre, klingt eher so: Stefan, das war einfach ein schöner Umgang und eine tolle Erfahrung. Die Bilder werden dann auch gelobt, aber sie treten ein Stück weit in den Hintergrund.

Das hat mich anfangs überrascht. Inzwischen finde ich es folgerichtig. Wer sich zwanzig Minuten lang gesehen gefühlt hat, erinnert sich an das Gesehenwerden, nicht an die Datei.

Wenn du also das nächste Mal vor einer Kamera stehst und dieser Satz in dir hochkommt, halte kurz inne. Frag dich nicht, wie du aussehen müsstest. Frag dich, was da gerade mit dir passiert. Und dann sag es deinem Fotografen genau so. Ein guter wird damit arbeiten können.

Dieser Text ist mit KI-Unterstützung entstanden. Die Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen darin sind meine eigenen.


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