Je mehr ich KI feiere, desto mehr vermisse ich als Fotograf das echte Foto

Dieser Widerspruch hat sich bei mir angeschlichen, leise, über Monate. Ich bin als Informatik-affiner Mensch ehrlich fasziniert davon, wie KI funktioniert. Ich teste die Tools, ich nutze sie mittlerweile fast täglich, und ich bin überzeugt, dass sich unsere Arbeitswelt in Kürze stark verändert, oder es längst tut. Und genau dieser Begeisterung steht etwas gegenüber, das ich erst nicht benennen konnte: Je mehr ich KI feiere, desto seltener greife ich zur Kamera.
Der Widerspruch, den ich in mir trage
In den letzten drei, vier Monaten habe ich gemerkt, dass der Prozess des Fotografierens bei mir überlagert wird. Nicht von Arbeit, nicht von Zeitmangel, sondern von der Faszination, die generierte Bildwelten mit sich bringen. Das Spannende ist: Ich generiere selbst gar nicht so viele Bilder. Das war eher 2023, 2024, dieser erste Hype, in dem ich vieles ausprobiert habe. Mittlerweile ist das bei mir abgeebbt.
Geblieben ist trotzdem ein Gefühl. Dass Fotos, rein vom visuellen Output her, weniger wert sind als vorher. Ich muss zugeben, das hat mich überrascht, weil ich der KI-Technologie so offen gegenüberstehe.
Der Nerd in mir feiert jeden Fortschritt. Der Fotograf in mir spürt, dass dabei etwas verloren geht.

Warum sich meine eigenen Fotos plötzlich beliebig anfühlen
Wenn Bildwelten unbegrenzt und in jeder Form möglich sind, passiert etwas mit dem Blick. Ich habe mich gefragt, ob es dafür einen Namen gibt, und bin auf zwei Erklärungen gestoßen, die mein Gefühl ganz gut treffen. Das eine ist Gewöhnung: Je häufiger wir denselben Reiz sehen, desto schwächer wird die Reaktion darauf. Bei der schieren Masse an Bildern stumpft der Blick ab, und das einzelne Foto sagt weniger, auch das eigene.
Das andere ist simpel. Wert hängt an Seltenheit. Was sich unbegrenzt erzeugen lässt, verliert gefühlt an Wert. Und genau hier entsteht die Diskrepanz, die ich gespürt habe: Ich habe mich durch die Masse der Bilder ein Stück weit von mir selbst entfernt.
Interessant ist der Gegenpol, der sich messen lässt. Laut der VisualGPS-Studie von Getty Images halten 98 Prozent der Verbraucher authentische Bilder für entscheidend, um Vertrauen zu schaffen (Getty Images, Building Trust in the Age of AI). Das echte Foto verliert also nicht an Bedeutung, je mehr generiert wird. Es gewinnt an Seltenheitswert. Genau das ist der Umkehrschluss, an den ich mich gerade festhalte.
Wenn die Herkunft zur Pflichtangabe wird
Aufgefallen ist mir das zuletzt an einer banalen Stelle: in Baumarkt- und Lebensmittelprospekten. Dort sind KI-generierte Bilder inzwischen gekennzeichnet. Das ist im Grunde gut, und über diese Kennzeichnungspflicht aus dem EU AI Act habe ich schon einmal ausführlicher geschrieben.
Trotzdem hat mich der Moment beschäftigt. Wenn schon der Baumarktprospekt KI-Material verwendet und es ausweisen muss, ähnlich einer Herkunftsangabe auf der Verpackung, was macht das mit dem Vertrauen in visuelle Inhalte? Und, das war die Frage, die wirklich an mir nagte: Was macht das mit dem Vertrauen in die Bilder, die ich selbst mache?
Ich glaube, die Kennzeichnung allein dreht das nicht. Wenn gekennzeichnete Bilder in Massenmedien auftauchen, sinkt trotzdem die Glaubwürdigkeit des Bildmaterials, und am Ende auch das Vertrauen in die Produkte und Services, die darauf gezeigt werden. Die Pflicht ist rechtlich absolut sinnvoll, daran will ich keinen Zweifel lassen. Aber das allgemeine Vertrauen in visuelle Inhalte sinkt eben doch, und das ist ein Punkt, den ich für meine eigene Arbeit mitdenken muss.

Was KI mir spiegelt, ohne es zu wollen
Der Schlüssel liegt für mich darin, etwas zu erkennen, das eigentlich bekannt ist: Fotografieren und Bilder generieren sind nicht dasselbe. Der Prozess des Fotografierens ist genau das, was eine KI nicht kann.
Sie erzeugt ein Ergebnis. Sie geht nicht hin, sie sieht nicht, sie wartet nicht.
Und gerade deshalb wirken erzeugte Bilder für mich wie ein Spiegel. Sie machen sichtbar, was mir selbst fehlt, wenn ich nur auf den Output schaue. Ich glaube, die Flut an Bildwelten, die inzwischen wirklich jeder nutzt, wird dazu führen, dass viele Menschen authentisches Material mehr und mehr vermissen. Mich eingeschlossen. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel: sich wieder auf den Prozess zu besinnen, ein Foto zu sehen, zu komponieren, zu gestalten, Spaß daran zu haben, ohne dabei etwas zu erwarten.
Deshalb ist mir mein eigener Lichtnotizen-Feed gerade so wichtig. Er ist für mich der Ort, an dem ich mich mit diesem Werkzeug ein Stück weit abgrenze, vom Output-Denken, von der Bewertung, von der Masse.
Darf ein Foto nichts aussagen?
Gute Frage, und ich habe sie mir selbst gestellt. Die ehrliche Antwort: Es kommt auf den Verwendungszweck an, oder besser auf die Motivation, die dahintersteht. Mein Ziel ist es, mich wieder mehr auf diese Motivation zu besinnen. Auf das Fotografieren als Prozess, als Akt, als Gestaltung, als sinnerfüllende Tätigkeit.
Vielleicht ist das auch ein Tipp für dich, falls es dir ähnlich geht wie mir. Es gibt Phasen im Leben, in denen man mehr Lust hat, und Phasen, in denen man weniger Lust hat. Das ist normal. Aber die Motivation sollte im Fokus stehen, nicht der Vergleich mit dem, was eine Maschine in zwei Minuten ausspuckt.
Wenn ich die Frage einmal beiseiteschiebe und einfach jeden Tag fotografiere, merke ich allerdings etwas anderes: Im Grunde sagt dann doch jedes Foto etwas aus. Denn was ich festhalte, hat für mich im Idealfall eine Bedeutung. Warum sich das tägliche Fotografieren lohnt und was du dafür überhaupt vor die Linse nehmen kannst, habe ich in 5 Gründe, warum du jeden Tag fotografieren solltest mit konkreten Beispielen beschrieben. Genau dieses Doing hilft mir, dass meine Fotos am Ende eine Aussage tragen, auch wenn sie nur ganz persönlich für mich selbst gilt.
Fotografie als Entschleunigung
Je mehr ich über Bildgenerierung nachdenke, desto deutlicher zeigt sie mir, wie wichtig die eigene Exploration ist. Die selbstbestimmte kreative Handlung. Vielleicht ist das genau das, was mir im Alltag mit den neuen Arbeitsweisen ein bisschen verloren geht. Im Umgang mit KI-Agenten bin ich mehr Orchestrator als Macher, und das ist schnell überfordernd und faszinierend zugleich.
Fotografie kann hier ein Gegengewicht sein. Ein Punkt, an dem ich mich entschleunige, an dem ich wieder selbst hingehe, sehe und auslöse. Nicht weil das Ergebnis besser wäre als ein generiertes Bild. Sondern weil der Weg dorthin mir gehört.

Ein paar Bilder zum Schluss, nicht als Beweis, sondern als Einladung. Solche Momente halte ich fest, weil sie für mich etwas bedeuten, nicht weil sie spektakulär wären.



Ich hoffe, ich konnte dir hier ein bisschen weiterhelfen. Vielleicht entdeckst du ja ähnliche Muster und Gefühle als Fotograf im Umgang mit KI. Wenn du Fragen hast, melde dich gerne bei mir oder abonniere meinen Newsletter.


